Die vier Jahre, die das Fundament für Nike Football legten


- 17.6.2026
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Der Kalender zeigte den 14. Juli 1994 und in wenigen Minuten würden Brasilien und Italien um den wichtigsten Pokal in der Fußballwelt spielen. Die Temperaturen im Rose Bowl Stadium waren bereits auf über 26 Grad gestiegen. Als die beiden Teams das Feld betraten, schauten mehr als 94.000 Menschen von der Tribüne aus zu – und mehrere Milliarden von überall auf der Welt.
Dazu gehörte auch Phil Knight, Mitbegründer und CEO des größten Sportschuhunternehmens der Erde. Nike hatte bereits die Welt des Laufsports und des Basketballs transformiert. Aber obwohl Fußball Menschen in allen Ecken des Planeten faszinierte, blieb der Sport für die Marke ein sportliches und kulturelles Gebiet, das es zu erobern galt.
Während des Spiels bemerkte Knight plötzlich etwas, das über den Spielstand hinausging. Die "Brasileiros", von denen acht den Nike Tiempo trugen, zeigten eine besondere Spielqualität, die er nicht richtig beschreiben konnte. Dieser ausdrucksstarke, kreative, tänzerisch leichte und spontane Spielstil ist heute allen als "Joga Bonito" bekannt, aus dem Portugiesischen für "spiel schön".
Zwei Tage später nahm Knight den Global Sports Marketing Director von Nike zur Seite und sprach drei Worte, die das Verhältnis des Unternehmens zum Fußball für immer prägen sollten:
"Ich will Brasilien."

Das brasilianische Nationalteam bei der WM 1994 – der Moment, der alles veränderte.

Der brasilianische Stürmer Romário hebt den Pokal im Rose Bowl Stadium. Er war einer der acht Spieler Brasiliens, die an diesem Tag auf dem Spielfeld den Nike Tiempo trugen.
Was dann passierte, war von enormer Bedeutung für Nike, denn das Unternehmen befand sich zu Beginn des Sommers 1994 in Sachen Fußball in einer besonderen Lage. Fußball – oder "Soccer", wie der Sport in den Nike Headquarters bei Beaverton, Oregon, genannt wurde –, war jahrelang ein Randgeschäft des Unternehmens gewesen. Nike hatte Schuhe. Nike hatte Beziehungen zu Spieler:innen und Teams und konnte im Vereinigten Königreich und in Skandinavien sogar leichte Erfolge verzeichnen. Aber weltweit gesehen war der Einfluss des Unternehmens im Fußball minimal. Im Vergleich zu den meisten Bereichen bei Nike war dieser Sport für die Marke eher zweitrangig.
"Im Fußball waren wir absolut bedeutungslos", so Sandy Bodecker, erster General Manager von Nike Football.
Aber das würde er bald ändern.
Bodecker, der später zu einer Schlüsselfigur im Team wurde und wichtige Projekte wie die Wiederbelebung von Nike SB und den Rekordversuch Breaking2 leitete, galt bereits in den frühen 1990ern im Bereich Footwear R&D bei Nike als bewährter Vordenker. Schon seit Jahren vertraten er und wenige andere die Meinung, dass Fußball ein Sport war, den die Marke nicht ignorieren durfte. Aber bisher waren noch keine entsprechenden Schritte unternommen worden. Mit der Anweisung von Knight nach dem Finalspiel von 1994 hatte Bodecker endlich den Auftrag, den er brauchte. Nike Football würde eine eigene Sparte werden und er würde sie leiten.
Das Ziel war simpel: bis zum Turnier 1998 in Frankreich zu einer Größe im Fußball zu werden. Sie hatten also vier Jahre Zeit, um den Plan zu verwirklichen.
"Wir wollten die Geschichte des Sports neu schreiben. Der Gedanke gefiel uns, weil wir in der Geschichte des Fußballs noch nicht vorkamen."
Sandy Bodecker, erster General Manager von Nike Football
Dazu wurde ein kleines, dediziertes Team aufgestellt, zu dem unter anderem ein Apparel Director, ein Apparel Developer, ein Creative Director, ein Sports Marketing Lead und ein Global Sports Marketing Director gehörten. Sie waren ein eingeschweißtes Team, aber die Chancen standen nicht gut. Nike hatte keine Tradition in diesem Sport und die Fußballexpert:innen in Europa waren ziemlich skeptisch, wie ein amerikanisches Unternehmen dem wichtigsten Sport der Welt von Oregon aus gerecht werden wollte.
Bodecker sah das anders. Er akzeptierte die Skepsis und sah das Positive daran. Keine Vergangenheit im Sport zu haben, entschied er, war kein Nachteil. Im Gegenteil, genau darum ging es.
"Wir wollten zum neuen Vermächtnis in diesem Sport werden", sagte er in einer Interviewreihe mit dem Department of Nike Archives (DNA) im Jahr 2018, kurz vor seinem Tod. "Der Gedanke gefiel uns, weil wir in der Geschichte des Fußballs noch nicht vorkamen."
Das bedeutete aber nicht, dass die Geschichte des Fußballs ignoriert werden sollte. Es bedeutete, sie so gut zu kennen, um sie zu übertreffen.
Zu was sich Nike Football auch entwickeln würde, die Sparte würde erfolgreich sein, weil sie die Geschichte des Fußballs respektierte . Und dann würde sie ihren eigenen Weg gehen.
Das Team machte sich sofort an die Arbeit. Der erste Punkt auf der Tagesordnung war ein Deal mit dem US-Fußballverband – ein idealer Partner, der Nike dabei unterstützen konnte, dem Sport und seinen Athlet:innen im eigenen Land zu dienen. Nach monatelanger Vorbereitung konnte Nike einen Vertrag zu Papier bringen, der sowohl die Herren- als auch die Damenmannschaft umfasste und das Ende der 28 Jahre bestehenden Zusammenarbeit mit dem vorherigen Sponsor – einem bedeutenden Konkurrenten der Marke – bedeutete.
Mit einem Schlag war Nike auf jeder Ebene in den Fußball der USA eingebunden. Dadurch konnte das Unternehmen mit den größten Athlet:innen des Landes und den neuen Talenten zusammenarbeiten – und Innovationen für deren Anforderungen entwickeln.

Für Mia Hamm, einer der wichtigsten Fußballspielerinnen ihrer Generation, war es nicht nur der Vertrag, der Nike so attraktiv machte. Es ging um etwas Größeres. "Es bedeutete, dass ich ein Mitspracherecht bekam", erklärte sie.
Etwa um die gleiche Zeit unternahm Nike einen weiteren maßgeblichen Schritt. Die Marke nahm eine Athletin unter Vertrag, die die Bedeutung von Nike im Frauenfußball für eine ganze Generation prägen sollte.
Ein Sportmarketingmanager hatte Mia Hamm zwei Jahre zuvor nach einem Spiel angesprochen, in dem die herausragende Fußballerin der University of North Carolina an einem verregneten Tag in Chapel Hill bei der NCAA-Meisterschaft 1992 in sechs Minuten zwei Tore schoss.
Der Vertrag wurde im Untergeschoss der Rams Head Rathskeller Bar in Chapel Hill ausgehandelt, wo der Marketingmanager die Einzelheiten auf eine Serviette kritzelte. Zurück in Oregon machte er sich dann an die Arbeit, das nötige Geld für den Deal zu finden.
"Der Respekt, den sie uns entgegenbrachten, hat einen großen Unterschied gemacht. Wir wurden aktiv, ergriffen die Initiative. Wir wollten rausgehen und sehen, was wir noch alles erreichen können."
Mia Hamm, Fußballweltmeisterin
Nachdem Nike den US-Verband unter Vertrag genommen hatte, konnte die Marke seine Zusage für den Frauenfußball in einem formelleren Rahmen bestätigen. Nike behandelte die Beziehung mit Hamm und dem Frauenteam der USA wie eine echte Partnerschaft. Die Marke fragte die Spieler:innen, wie ihre Bekleidung sitzen sollte, entwickelte Schuhe, die speziell für die Füße von Frauen entworfen worden waren, und hörte auf eine Weise zu, die es in diesem Sport bisher nicht gegeben hatte.
"Sie haben viel zu den Unterschieden zwischen Männer- und Frauenfüßen recherchiert", erklärte Hamm in einem Interview mit dem Department of Nike Archives (DNA). "Sie haben viel mit mir über Schuhe gesprochen und darüber, was ich mag und was die anderen im Team mögen. Der Respekt, den sie uns entgegenbrachten, hat einen großen Unterschied gemacht. Wir wurden aktiv, ergriffen die Initiative. Wir wollten rausgehen und sehen, was wir noch alles erreichen können."
Die Bekleidung, die dem Team präsentiert wurde, hatte alles berücksichtigt, um das die Spielerinnen gebeten hatten. Für Hamm fühlte sich die Beziehung mit Nike eher wie eine Partnerschaft an, nicht wie ein Sponsoring. Das ganze Team war schwer beeindruckt.
Jahre später sollte dem Deal, der in einer Bar auf eine Serviette gekritzelt worden war, die Krone aufgesetzt werden: mit einem Gebäude in den Nike World Headquarters, das ihren Namen trug.
Jetzt, wo die Verträge mit Hamm und mit dem Fußballverband unterschrieben waren, wandte sich die neue Sparte dem Ziel zu, mit dem alles begonnen hatte.
Knight hatte gesagt, dass er Brasilien wollte. Es war Zeit, den Auftrag zu erfüllen.
Für dieses Ziel würde aber mehr als nur harte Arbeit oder Ehrgeiz notwendig sein. Jetzt war Geduld gefragt. In Brasilien gibt es keinen Deal, wenn nicht zuerst eine Beziehung aufgebaut wurde. Das Team von Nike lernte das sehr schnell. Zwei Jahre lang zeigte es Brasilien, warum das Nationalteam eine Partnerschaft mit der Marke eingehen sollte. Es gab regelmäßige Meetings, anschließende Anrufe – aber das Wichtigste bei alledem war: Nike hörte Brasilien zu.
Es war diese reine, verbissene Entschlossenheit, die man verspürt, wenn man unbeirrt an seinem großen Ziel festhält.
Im Juli 1996 zahlte sich die Arbeit dann aus. Das Team von Nike unterschrieb einen Vertrag für sämtliche Nationalteams Brasiliens. Es war der wichtigste Deal, den der Fußball bis zu jenem Datum gesehen hatte. Und für den Swoosh würde die brasilianische Einstellung das Wesen von Nike Football bestimmen: Kreativität, Angriff, Instinkt und Lebensfreude – ein Stil, den die Marke noch heute repräsentiert und unterstützt.

Im Juli 1996 nahm Nike den brasilianischen Fußballverband unter Vertrag – der bis dato wichtigste Deal in der Geschichte des Sports. Die kreative, tänzerisch leichte Spielweise würde Nike Football dauerhaft prägen.
Am Tag, an dem der Deal bekannt gegeben wurde, fiel der Kurs von Nike an der Börse um 5 %. Der Markt haderte mit dem Vordringen von Nike in unbekanntes Terrain. Bei Nike hingegen hatte niemand schlaflose Nächte. Das Team, das zwei Jahre lang für Geschäftsessen nach Brasilien geflogen war, wusste genau, was es sich da gesichert hatte. "Es war elektrisierend, einfach aufregend", so Bodecker. "Es war, als hätten wir die New York Yankees oder Boston Celtics unter Vertrag genommen." Der Kurs würde sich wieder erholen.
Sie waren sich dessen so sicher, dass einige Schlüsselfiguren des Deals direkt nach Vertragsunterzeichnung in die nächstbeste Bar marschierten und die teuerste Flasche Cognac bestellten. Wie das Glück es wollte, spazierten zwei der einflussreichsten Personen des europäischen Fußballs – Mitarbeiter des größten Konkurrenten von Nike – in dieselbe Bar und setzten sich ganz in die Nähe. Einer des Nike Teams erkannte sie sofort, sagte aber nichts.
"Ich musste mich zurückhalten", erinnerte sich der damalige Global Sports Marketing Director von Nike. "Ich hätte ihnen so gern ins Ohr geflüstert, dass wir gerade Brasilien unter Vertrag genommen hatten."
"Über den reinen Sport hinausgehen und die Kultur nach und nach durchdringen – das ist es, was Nike am besten kann."
Ein Mitglied des Nike Football Teams im Jahr 1997
Der Vertrag mit dem brasilianischen Team war jedoch nicht das einzige Ereignis, das 1996 zu einem bahnbrechenden Jahr machte. In jenem Sommer zahlten sich die Investitionen von Nike im Fußball auf der größten Bühne des Sports aus: den Olympischen Spielen in Atlanta.
Das Frauennationalteam der USA – angeführt von Mia Hamm, Brandi Chastain und Briana Scurry – gewann im ersten olympischen Finale des Frauenfußballs Gold. Noch nie zuvor in den USA hatten sich so viele Menschen ein Event im Frauensport angesehen. Bei den Männern sicherte sich Nigeria, dessen Team erst im Jahr zuvor unter Vertrag genommen wurde, Gold gegen Argentinien. Zwei Nike Teams. Zwei Goldmedaillen.
1996 war auch das Jahr, in dem Nike Football seine kreative Identität fand.
Im April veröffentlichte das Unternehmen den Werbefilm "Good vs. Evil", in dem ein Team mit den besten Fußballern der Welt auf einem brennenden Spielfeld in einem antiken tunesischen Amphitheater gegen den Kader des Teufels antritt. Die Dreharbeiten dauerten etwa 16 Nächte lang, und Nike investierte ein Rekordbudget für damalige Zeiten.
Nike war bereits mit früheren Werbekampagnen wie "The Wall" in die Welt des Fußballs vorgedrungen, aber dies war der erste Werbespot, der weltweit die Aufmerksamkeit auf sich zog. Mehrere Länder empfanden ihn als zu gewalttätig, um ihn zur Hauptsendezeit auszustrahlen. Er wurde trotzdem zum kulturellen Phänomen.
In der Schlussszene schießt Eric Cantona, einer der charismatischsten Fußballspieler aller Zeiten, das entscheidende Tor gegen den Teufel. Er klappt den Kragen seines Trikots hoch und sagt in eisigem Ton: "Au revoir." Kinder in ganz Europa klappten plötzlich ihre Kragen hoch und spielten den Moment auf Schulhöfen und Spielplätzen nach.
Ein Monat nach Ausstrahlung des Films nahm Glenn Cole, der verantwortliche Creative Director von Wieden+Kennedy, in Europa ein Taxi. Als der Taxifahrer erfuhr, dass Cole in der Werbung arbeitete, erzählte er ihm von einem Werbefilm, den er im Fernsehen gesehen hatte: "der mit dem Teufel". Sein Sohn hatte ihn nach diesem Spot jeden Abend gebeten, sich hinten in den Garten zu stellen, damit er seinem Vater den Ball gegen die Brust schießen konnte, um ihn wie im Werbefilm in die Luft zu sprengen.
"In diesem Moment wurde mir klar, dass wir damit die Fantasie ganz normaler Menschen angeregt hatten", erzählte Cole.
Der Spot "Good vs. Evil" hatte die Ankunft von Nike im Fußball angekündigt, "Airport" katapultierte die Marke aufs nächste Level.
Das Konzept war täuschend einfach: Das brasilianische Nationalteam, das gerade erst den Vertrag mit Nike unterzeichnet hatte, vertreibt sich vor einem Flug die Zeit und beginnt spontan ein Spiel durch das Terminal. Kein Bösewicht. Kein Teufel. Kein brennendes Spielfeld. Einfach nur Fußballspieler, die tun, was sie tun, wenn niemand zuschaut: spielen und lachen – und das mit dieser Lebensfreude, die Brasilien zum beliebtesten Team der Welt gemacht hatte.
"Für mich war das Erfolgsgeheimnis schon immer, genau das Gegenteil von dem zu tun, was die anderen erwarten", erklärte Cole. "Niemand hat 'Good vs. Evil' kommen gesehen. Der Spot war wirklich düster und bedrückend. Ich glaube, alle warteten auf eine Fortsetzung."
Die Irreführung funktionierte. Leicht war es aber nicht gewesen.
Die Dreharbeiten fanden zum großen Teil zwischen Weihnachten und Neujahr 1997 am internationalen Flughafen von Rio de Janeiro unter der Regie von John Woo statt. Nike hatte eine Erlaubnis ausgehandelt, um nachts filmen zu dürfen, wenn das Terminal geschlossen war.
Alles war startklar – bis auf die Stars.
Das Nationalteam war in Brasilien im Urlaub und kam vier Stunden zu spät an. Das besondere Filmset verkomplizierte die Logistik zusätzlich. Woo war ein berühmter Filmregisseur, aber Werbefilme werden nach dem Zeitplan der Athlet:innen gedreht, nicht nach dem des Regisseurs. Außerdem litt er während der Dreharbeiten unter extremer Hitzeerschöfung.
Nike holte den Hollywood-Produzenten Lawrence Bender mit ins Boot, um das Chaos in den Griff zu bekommen.
Aber aus diesem Durcheinander entstand etwas, das ganz anders war als das, was Nike bisher gemacht hatte. Statt einer Besetzung mit internationalen Stars oder einer dramatischen Handlung zeigte "Airport" die brasilianischen Spieler so, wie sie wirklich sind: spontan, heiter und authentisch. Es war das erste Mal, dass Nike eine Kampagne auf einem Team statt einer Person basierte. Für Bodecker war dies der Wendepunkt.
"Über den reinen Sport hinausgehen und die Kultur nach und nach durchdringen – das ist es, was Nike am besten kann", erklärte ein Mitglied des Nike Football Teams. "Dass wir das im Fußball machen konnten, in dem einen Sport, in dem es Nike bisher nicht wirklich geschafft hatte, war eine große Leistung. Danach ging es dann so richtig los."

Zwei Nike Printanzeigen aus dem Jahr 1996 mit den Stürmern Bebeto (Brasilien) und Cantona (Frankreich). Sie sind frühe Beispiele für die Beziehung von Nike mit Athlet:innen, die das Fundament für die weltweiten Ambitionen von Nike Football legten.
Während die Werbespots die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zogen, verlieh Nike einem Phänomen Ausdruck, das bereits angefangen hatte, Gestalt anzunehmen.
Damals machte sich im Sport das Gefühl breit, dass im Fußball etwas verloren ging. Er schien vorhersehbarer und vorsichtiger zu werden – und weniger lebendig. Pierre-Laurent Baudey, der fußballbesessene Franzose, den Nike als Leiter der Werbemaßnahmen ins Boot geholt hatte, spürte dies ganz intensiv.
Nike bat ihn, zu definieren, wofür die Marke im Fußball stand. Auf diese Frage hatte er schon gewartet.
Um sie beantworten zu können, besuchte er Schulen und Fußballvereine in ganz Europa. Er fragte Kinder, in welche Richtung sich der Sport ihrer Meinung nach entwickeln sollte. In den monatelangen Gesprächen kam heraus, dass alle genau das wollten, was Nike bereits in dem gerade unter Vertrag genommenen Team beobachtet hatte: Kreativität, Spontaneität und Lebensfreude. Fußball, der mit einem Gefühl von Freiheit statt Angst gespielt wurde.
"Es war schwer zu definieren", erklärte Baudey. "Aber zu jener Zeit hatten wir gerade Ronaldo unter Vertrag genommen, der dabei war, sich zu einem absoluten Superstar zu entwickeln. Er war ein talentierter, visionärer, leidenschaftlicher Spieler, der mit Herz und Seele spielte."
Man sprach vom "brillanten Fußball" – einer Philosophie, die argumentierte, dass das sogenannte schöne Spiel auch tatsächlich schön sein sollte. Bei Nike wurde es intern in einem einzigen portugiesischen Wort ausgedrückt: "alegria", was sich mit "Lebenslust" übersetzen lässt.
Brasilien war der Inbegriff dieses Konzepts. All das, was Nike im folgenden Jahrzehnt im Fußball tat, sollte davon geprägt werden.

Ronaldo, hier im Jahr 1997 in seinem ersten Nike Brasilien-Trikot. Laut Pierre-Laurent Baudey, damaliger Global Football Brand Marketing Lead bei Nike, spielte Ronaldo mit Herz und Seele.
Im Jahr 1997 fügte sich alles zusammen. Das Team stand unter Vertrag. Die Werbefilme kamen gut an. Die Philosophie hatte Gestalt angenommen. Was Nike jetzt noch fehlte, war ein Fußballschuh, der zu den großen Ambitionen des Unternehmens passte.
Dazu musste Nike jedoch zuerst ein besonderes Problem lösen: einen Fußballschuh entwerfen, den die europäischen Elitespieler:innen tragen würden. Die Lösung kam aus dem Dolomitenvorland.
Einige Jahre zuvor, als die Fußballverträge ausgehandelt wurden, hatte Nike den in Italien lebenden Expat Mark Wasley zu einer Einrichtung in Montebelluna, Italien, geschickt. Das Gebiet war seit Generationen das Epizentrum der europäischen Schuhherstellung, Sitz der weltweiten Skischuhproduktion und Wiege vieler anderer berühmter Fußballmarken.
Die Arbeitsweise vor Ort basierte auf einer handwerklichen Philosophie, die grundlegend anders war. In Asien produzierten Fabriken alles unter einem Dach. In Montebelluna wurden die einzelnen Bestandteile beim entsprechenden Spezialisten in Auftrag gegeben, denn ein Unternehmen, das nur Einlegesohlen herstellte, hatte sein Handwerk über Jahrzehnte perfektioniert. Das handwerkliche Niveau dieser Partnerschaft sollte die Möglichkeiten von Nike im Hinblick auf Fußballschuhe vollkommen verändern.
Dank der Zusammenarbeit mit dem Unternehmen in Montebelluna war Nike bereit, etwas wirklich Neuartiges zu versuchen.

Ronaldo wurde zum Protagonisten einer Werbeanzeige für den Nike Mercurial, einem Fußballschuh, der die plötzliche, aggressive Beschleunigung unterstützte, die den Brasilianer von allen anderen Spielern unterschied.
Tim Smith, Product Line Manager bei Nike mit einem Abschluss in kreativem Schreiben, nahm sich einen Leichtathletikschuh, ersetzt die Spikes mit Fußballstollen und skizzierte das Modell so um, dass es wie ein Fußballschuh aussah. Dieser grobe Prototyp war der Beginn des Mercurial.
Der Schuh wurde speziell auf Ronaldo und seine Spielweise zugeschnitten. Seine langen, ruhigen Momente und die plötzlichen, aggressiven Beschleunigungen. Nike beobachtete die Talente der U-17-Elite in sieben europäischen Ländern, weil sie noch keine Schuhverträge hatten und daher offen und ehrlich antworten würden. Ihre Prioritäten wurden zum Auftrag für das technische Team.
Die wichtigste Entscheidung betraf das Obermaterial. Bis zu diesem Zeitpunkt waren qualitativ hochwertige Fußballschuhe aus Leder hergestellt worden. Synthetische Materialien brachte man nur mit Billigkopien in Verbindung. Nike arbeitete zusammen mit einem japanischen Unternehmen an der Entwicklung eines Kunstleders mit dem Namen KNG-100, das keine Feuchtigkeit aufnahm, sich nicht verformte und leichter und dünner als alle anderen Materialien war, die der Sport bis dato kannte. Eine Ballkontrollbeschichtung, die in Anlehnung an den Rahmen italienischer Motorräder entwickelt wurden, gab dem Schuh ein völlig neuartiges Ballgefühl. Mit 1,75 Millimetern war die Platte fast halb so dick wie bei Standardschuhen.
Nike zeigte den Mitgliedern des brasilianischen Nationalteams die Prototypen und erzählte ihnen, dass dies das beste Leder war, das sie je verwendet hatten. Dass es gar kein Leder war, sagten sie nicht. Das Team war so begeistert von den Schuhen, dass es sich weigerte, sie zurückzugeben.

Für den Prototyp des Mercurial nahm Nike Product Line Manager Tim Smith einen Leichtathletikschuh, ersetzte die Spikes durch Stollen und skizzierte das Modell so um, dass es wie ein Fußballschuh aussah. Die bescheidene Herkunft eines der legendärsten Fußballschuhe.

Der Nike Mercurial SG, der von Ronaldo beim Turnier 1998 in Frankreich vorgestellt wurde, war mit seiner Farbkombination Blau, Gelb und Chrome der erste wirklich bunte Fußballschuh.
Als dann ein Name für diesen neuen Fußballschuh gefunden werden musste, der intern einfach der "Ronaldo Ultra Speed" genannt worden war, suchten Smith und sein Team in Büchern der griechischen Mythologie nach Inspiration und zogen "Ultravelox" in Erwägung. Eines Abends nach der Arbeit kam Smith dann auf dem Nachhauseweg "Mercurial" in den Sinn.
"Eine Definition ist 'ändert schnell sein Wesen', was perfekt passt. Schaut euch Ronaldo an, er läuft herum und wartet auf den richtigen Moment für den Schuss – und wenn er schießt, ist er ein anderer Spieler", erklärte Smith. "Er beschleunigt."
Der Mercurial wurde zum ersten Mal beim Turnier 1998 in Frankreich an Ronaldos Füßen vorgestellt. Mit seiner Farbkombination aus Blau, Gelb und Chrome war er der erste wirklich bunte Fußballschuh. "Es war ein absolut definierender Moment für mich beim Fußball", erinnerte sich Dave Daly, Marketingmanager für den europäischen Fußball.
"Wir hatten einen Schuh entwickelt, der sich völlig von dem unterschied, was es vorher gegeben hatte, und das war einfach fantastisch. Es war nicht irgendein Trick. Es war nicht nur eine bizarre, verrückte Idee von Nike. Der Schuh war real und authentisch und sah gut aus. Die Spieler:innen wollten ihn unbedingt im Spiel tragen."
Nike schätzte, dass im ersten Jahr etwa 20.000 Paare gemacht werden würden. Am Ende des Jahres waren es 80.000.
"Wir waren neu in der Fußballwelt und mussten hohe Wellen schlagen."
Mark Pilkenton, der den Bau des Nike Park leitete

Im Zentrum des einzigartigen französischen Monuments L'Arche de la Défense in Paris wurde während des Turniers 1998 der etwa 6.500 Quadratmeter große, interaktive Nike Park errichtet.
Nike stattete in jenem Sommer in Paris gleich sechs Nationalteams aus: Brasilien, die USA, Italien, Nigeria, Portugal und die Niederlande. Aber das auffälligste Statement war nicht im Stadium zu sehen. Am einzigartigen Pariser Monument L'Arche de la Défense in Paris errichtete das Unternehmen den etwa 6.500 Quadratmeter großen Nike Park, der einen Turfplatz, interaktive Übungen und einen Store bot – und einen Blick auf die von Brasilien geliehene Trophäe von 1994, die im Zentrum des Parks in einem Glaskasten ausgestellt war. Am Monument selbst, einer großen Struktur auf derselben Achse wie der Arc de Triomphe und die Champs-Elysées, baute Nike ein gigantisches Modell des Mercurial.
Eines der Monumente mit dem größten Wiedererkennungswert in Frankreich, verziert mit dem Swoosh.
"Wir waren neu in der Fußballwelt und mussten hohe Wellen schlagen", so Mark Pilkenton, der den Bau des Nike Park leitete.

Die Installation des Nike Park umfasste einen Turfplatz, ein gigantisches Modell des Mercurial, einen Store und die von Brasilien geliehene Trophäe von 1994 im Zentrum des Parks. Damit setzt Nike der Fußballwelt ein klares Statement: Die Marke war gekommen, um zu bleiben.
Frankreich gewann in jenem Jahr das Turnier, und auch wenn Brasilien die Trophäe nicht bekam, hatte Nike klar gemacht, dass es den Sport unterstützte. Die Marke, die vier Jahre zuvor als Außenseiter im Fußball angekommen war, hatte sich eine unbestreitbare Präsenz im schönen Spiel aufgebaut.
Diesen Sommer kehrt das Turnier zum ersten Mal seit dem damaligen heißen Julitag im Rose Bowl Stadium auf amerikanischen Boden zurück. Der Sport, der einst für Nike zweitrangig war, ist jetzt eines der wichtigsten Kapitel in der Geschichte der Marke. Und Nike wiederum hat sich zu einem wichtigsten Protagonisten in der Welt des schönen Spiels entwickelt.