Für die neueste Version von Nike Air gilt: "Weniger ist Max"


- 16.4.2026
In der lärmenden Fabrikhalle des Air Manufacturing Innovation-Werks von Nike untersucht eine Gruppe Ingenieur:innen einen aufgeblasenen Prototyp des Air Max-Elements. Seine Form sieht erstaunlich technisch aus. Dieses löchrige Element, sprich die visuelle Neuheit, die später zum blühenden, minimalistischen Air-Element des neuen Nike Air Liquid Max werden sollte, ist für ein leichteres Abrollen und fließende Übergänge gebogen. Damit soll das Laufgefühl unvergleichlich smooth sein.
Es gibt nur einen Haken. Die einzigartige Form des Air-Elements ist derart komplex, dass viel Sonderbearbeitung erforderlich ist. Zum ersten Mal verfügt ein Max Air-Element über Aussparungen. Den Besatz bzw. die Einfassung des Air-Elements richtig hinzubekommen, ist kompliziert. Die Air Max-Ingenieur:innen haben für das Air-Element ein Wort: Elastomer. Heißt: Es verformt sich je nach wechselnden Variablen wie Temperatur und Feuchtigkeit. Je komplexer die Form des gefüllten Air-Elements ist, desto schwieriger wird auch die Herstellung in Großserie, insbesondere, wenn es wieder und wieder zu einer bestimmten Form zurechtgeschnitten werden muss. Man denke nur an eine Ausstechform für Kekse: je komplizierter die Form, desto größer die Fehlerrate beim Ausstechen des Teigs. Zudem stelle man sich vor, der Teig ist nach oben gekrümmt wie das Max Air-Element und er ändert bei schwankenden Raumtemperaturen leicht seine Form. Und nun soll dasselbe Design hunderttausende Mal repliziert werden.
Höchst komplex. Höchst präzise. Und das alles in einer minimalistischen Silhouette, die sich wie das "wenigste" Max Air-Element aller Zeiten anfühlen soll.

Die Innovator:innen von Nike haben für die Komponenten des Liquid Max einen systematischen "Weniger-ist-mehr-Ansatz" angewendet.
Was aber ist das "Walk-on-Nike Air-Feeling"? Zunächst einmal Tragekomfort, klar. Jeder Schritt sollte sich mühelos anfühlen. Und dann der unverwechselbare Look, der 1987 mit dem Air Max I begann. Die große, durchsichtige Air Bubble war wie ein Prisma, das einen Blick in die Zukunft der Dämpfung von Schuhen zuließ. Doch Inspiration allein reichte nicht, um die Nike Air-Plattform zu realisieren. Um ein genau abgestimmtes Tragegefühl zu erreichen, war technische Präzision erforderlich. Das "Walking-on-Air-Feeling" war leichter gesagt als entwickelt.
Die Silhouette begann ursprünglich 2019 mit der Tagline "The Most Nothing Max" – der "wenigste" Max. Ziel war es, einen leichten, weichen und flexiblen Air Max zu schaffen, den man quasi nicht spürte – ein Ziel, das seit jeher unvereinbar mit der Plattform war.

Das Liquid Max-Element sollte ein fluides Laufgefühl bieten. Dieses Gefühl zu erzeugen war eine spannende technische Herausforderung für die Nike Innovator:innen, Designer:innen und Air MI-Ingenieur:innen.
Vor dem Hintergrund der Air Max-Geschichte, die mit der "Big Bubble" anfing, fragten sich die Designer:innen, ob sich ein Air Max-Element wie nichts anfühlen könnte oder gar sollte. Ein gefülltes Air-Element in Kombination mit Zementschaum- und Gummischichten kann steif und träge wirken. Dann ist es schwer, einen weichen Übergang zu spüren.
"Der Liquid Max sollte ein 'visueller Präzedenzfall' werden. Aber auch das Air-Element musste ein neues 'Walking-on-Air-Laufgefühl' vermitteln", erklärt Ditte Kuijpers, Design Director, Nike Sportswear Innovation Footwear. "Die Leute sollten den Unterschied fühlen und sehen. Hierfür mussten alle Komponenten des Schuhs zusammenwirken."
"Der Liquid Max sollte ein 'visueller Präzedenzfall' werden. Aber auch das Air-Element musste ein neues 'Walking-on-Air-Laufgefühl' vermitteln."
Ditte Kuijpers, Design Director, Nike Sportswear Innovation Footwear

Beim Brainstorming für die ersten Versionen des Liquid Max-Elements wurde keine Option ausgelassen. Das Team erlaubte sich, mit den Air Max-Modellen der Vergangenheit zu brechen.
Anfangs besprachen die Designer:innen und Ingernieur:innen, wie das neue Element mit den vergangenen Air Max-Modellen brechen könnte. Dabei zeichneten sich ein paar Merkmale als Inspiration ab: Elegant. Vereinfacht. Minimalistisch. Das Air Max-Element musste leichter und flexibler sein als in vorherigen Modellen. Als die Nike Designer:innen mit dem Entwurf dieses eleganteren Elements begannen, tat sich eine unerwartete Inspirationsquelle auf: Der Air Max Scorpion. Der 2021 eingeführte Schuh war mit seinem riesigen Air-Element in ambitionierten Proportionen im wahrsten Sinne maximalistisch. In puncto Luftvolumen pro Quadratzentimeter war es das breiteste Element, das jemals entworfen wurde. Beim Design des Air-Elements für den Scorpion stach besonders eine Beobachtung heraus: die sogenannte "Punktbelastung". Dabei wird jeder Dämpfungsbereich genau mit dem gesamten Fuß abgestimmt und so das Körpergewicht bequem auf bestimmte Punkte des Elements verteilt. So können die einzelnen Bereiche des Air-Elements unterschiedlich steif bzw. weich sein.
"Mit dem Scorpion hatte das Team einen guten Ausgangspunkt", sagt Wade Flanagan, Director of Nike Air Innovation. "Damit erlernten wir neue Techniken, mit denen wir die Flexibilität des Elements in verschiedenen Bereichen abstimmen konnten. Im Vergleich zum Air-Element des Scorpion sollte das Liquid Max-Element leichter, flexibler und minimalistischer, aber genauso reaktionsfreudig sein."
Die Elemente für genau diesen Effekt zurechtzuschneiden, ist laut Flanagan jedoch kompliziert. Es ist fast so, als habe jedes Air-Element eine eigene Seele – so wie es sich selbst bei der kleinsten Veränderung verformt. Jedes Element perfekt zuzuschneiden, ist als wolle man ein sich bewegendes Ziel treffen, erklärt er.

Dank einer Kombination aus taktiler Wahrnehmungskompetenz und High-Fidelity-Designtools entwickelte das Team einen gänzlich neuen Formgebungsprozess, mit dem jedes einzelne Element präzise und kunstvoll gefertigt werden konnte.
Als Name für die Silhouette wurde "Liquid Max" übernommen, und zwar aus gutem Grund: Das Abrollen sollte mit dem Element so fließen wie Flüssigkeit – "liquid"eben. Einer der vorherigen Prototypen der Designer:innen besaß ein abgewandeltes Air-Element des Air Max DN8, sprich eine Reihe mit Druckluft gefüllter Air-Tubes über die gesamt Länge des Fußes. Um ein stärker konturiertes, an den Fuß angepasstes System zu schaffen und die Anzahl der im Schuh verwendeten Einzelteile zu reduzieren, experimentierten die Designer:innen mit verschiedenen Versionen einer Drop-in-Mittelsohle.
Einige Prototypen des Air-Elements waren organischer, andere industrieller. Manche Formen waren ein Versuch, visuelle Details in mechanische Vorteile zu verwandeln. Könnte eine gut überlegte Schreibweise von "Air Max" auf der Außensohle eine Art Trampolineffekt über die Buchstaben erzeugen? Möglichkeiten gab es viele. Auch die Tests waren nicht auf die physische Welt beschränkt. Anhand der digitalen Finite Element Analysis-Methode, abgekürzt FEA, konnten die Designer:innen die tatsächlichen Kräfte simulieren, die beim Gehen mit dem Schuh entstehen und auf die verschiedenen Bereiche des Elements wirken und dann dessen Reaktion messen.

Frühe Versionen der Drop-in-Mittelsohle haben an der Unterseite Rillen und Aussparungen, die genau auf die verschiedenen Bereiche des Fußes abgestimmt sind. Die genaue Anordnung stützte sich auf entsprechende Messungen der Druckverteilung aus dem Nike Sports Research Lab.

Nach zahlreichen Tests und systematischem Ausprobieren entwarfen die Designer:innen und Ingenieur:innen schließlich ein schönes durchgehendes Air-Element mit zwei Kammern. Die bemerkenswerteste Weiterentwicklung vorheriger Air-Elemente stellte wohl auch die größte technische Herausforderung dar: Es mussten Ausschnitte im Element vorgenommen, unnötige Teile in der Mitte herausgelöst und ein gebogenes Rocker-Design geformt werden, um das Element noch minimalistischer zu gestalten. Ein so kompliziertes und dazu gebogenes Element von vorne bis hinten ausschneiden – das hatte noch niemand getan. Dazu brauchte es noch mehr Präzision bei der Herstellung.
"Das Liquid Max-Element ist ein Beispiel, wie unsere Designer:innen, Ingenieur:innen und Air MI-Techniker:innen eine Herausforderung ins Visier genommen und gemeistert haben."
Wade Flanagan, Director of Nike Air Innovation
Das Liquid Max-Team begann, eng mit den Techniker:innen des Nike Air Manufacturing Innovation(Air MI)-Werks in Beaverton, Oregon, zusammenzuarbeiten. Es gab quasi keinen Spielraum für Fehler. Schneidet man das Element im falschen Winkel zu, kann es platzen. Schneidet man es zu weit zu, entstehen unordentliche, unschöne Kanten drumherum. Hinzu kommt, dass ein dynamischer Füllstoff wie Luft stark auf Schwankungen der Umgebungsbedingungen reagiert, d. h. das Element kann in kürzester Zeit je nach Raumtemperatur die Form ändern, was zu uneinheitlichen Größen führt. Die Herstellung eines Air-Elements ist so ähnlich wie das weltweit kälteste Soufflé zu backen.
Die endgültige Version des Liquid Max Air-Elements ist das, was entsteht, wenn ungemeine Kreativität und fertigungstechnischer Erfindungsreichtum aufeinandertreffen. Und die angewandten Strategien, damit das Air-Element mehr als einen Schuh überdauert.
"Das Liquid Max-Element ist ein Beispiel, wie unsere Designer:innen, Ingenieur:innen und Air MI-Techniker:innen eine Herausforderung ins Visier genommen und gemeistert haben", sagt Flanagan. "Man muss sich vor allem dafür begeistern, Grenzen herauszufordern und den Air Max voranzutreiben, damit wir den Leuten, die ihn tragen, neue Vorteile bieten können."

Mit dem Liquid Max beginnt für das Air Max-Franchise eine neue Ära, in der Präzision und Komplexität Hand in Hand gehen.