Martin Lotti bringt neue kreative Impulse zu Nike

  • 20.4.2026
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Es gibt einen Moment, den Martin Lotti noch immer klar vor Augen hat. Er war 16 Jahre alt, ein Austauschschüler aus der Schweiz und stand im ursprünglichen Niketown Store in Portland, Oregon. Ein Junge aus Fribourg, einer Stadt mit weniger als 40.000 Einwohnern, der für ursprünglich zwei Wochen an die Westküste der USA gekommen war und schließlich ein Jahr blieb. Er verließ Niketown mit einem Paar Air Max 180 und einem Wings-Poster von Michael Jordan, auf dem stand: "Kein Vogel fliegt zu hoch, wenn er mit seinen eigenen Flügeln fliegt." Seine Gastfamilie machte vor dem Store ein Foto von ihm, in einer Jumpman-Pose, die Arme weit ausgebreitet, grinsend.

Dieses Foto begleitete ihn durch zwei Jahrzehnte voller gestalterischer Arbeit, Neugier und kreativem Ehrgeiz. Und eines Tages, als er als Chief Design Officer für Jordan Brand arbeitete, traf Lotti Michael Jordan persönlich und zeigte ihm das Bild.

"Deshalb habe ich mich als 16-Jähriger in die Marke verliebt", sagt er, während er an einem kühlen Februarmorgen auf dem Philip H. Knight Campus sitzt, gekleidet in einem makellosen, komplett weißen Outfit, das eine zurückhaltende Selbstsicherheit ausstrahlt. "Die Person vom Poster über deinem Bett tatsächlich vor dir stehen zu haben – das war ein surreales Erlebnis. Einer dieser Momente, in denen du dich fragst: Wie habe ich es hierher geschafft?"

"Design ist nicht nur Umsetzen oder Skizzieren – wir sind Problemlöser. Bill Bowerman hat das in die DNA des Unternehmens eingebettet: Du gestaltest aus einem bestimmten Grund, nicht nur, weil du es kannst."

Martin Lotti, Chief Design Officer bei Nike

Der 16-jährige Martin Lotti vor dem ursprünglichen Niketown Store in Portland – ein Besuch, der den Verlauf seiner Karriere und seines Lebens verändern sollte.

Der fünfjährige Lotti im Architekturbüro seines Vaters in Freiburg, Schweiz. "Ich habe hier unzählige Stunden verbracht und gezeichnet", sagt er.

Der Weg zu Nike verlief nie geradlinig – und genau das ist der springende Punkt, sagt Lotti. Nach dem Abitur in der Schweiz schrieb er sich am ArtCenter College of Design in Pasadena, Kalifornien, ein. Eine Frau in seinem Kurs für visuelle Kommunikation erwähnte, dass sie ein Praktikum bei Nike absolviert hatte, was seine Neugier weckte. Er schickte eine Bewerbung, Nike schickte ein Jobangebot zurück. Später heiratete er diese Kommilitonin, Linda Mai-Lotti, was er mit einem sanften Lächeln erzählt, das vermuten lässt, dass er seine eigene Geschichte immer noch kaum glauben kann.

Als Jugendlicher aus Europa hatte Lotti kein Wort für das, was Nike für ihn bedeutete – und bis heute bedeutet. "In der Schweiz geht es eher schrittweise", sagt er. "Du bekommst erst nach und nach mehr Möglichkeiten. In den USA hingegen liegt die Chance einfach … zum Greifen nah. Es spielt keine Rolle, wie alt du bist oder woher du kommst. Wenn du es draufhast, bekommst du die Chance, es zu gestalten."

Diese Überzeugung – dass Potenzial keine Grenzen kennt – wurde zur Grundlage dafür, wie Lotti entwirft, führt und die Welt sieht.

Links: Lotti in seinem Arbeitsbereich auf dem Nike World Campus im Jahr 2000, damals als Schuhdesigner. Rechts: Der 18-jährige Lotti vor der berühmten Chapelle de Le Corbusier in Ronchamp, Frankreich.

Heute ist Lotti Chief Design Officer bei Nike, vertritt den Swoosh bei wichtigen kulturellen Ereignissen wie der Mailänder Designwoche und leitet das Produkt- und Konzeptdesign im gesamten Unternehmen – eine enorme Verantwortung, der er mit derselben geerdeten Haltung begegnet, die seine Karriere geprägt hat. Gute Designer:innen sind in erster Linie gute Zuhörer:innen, sagt er, denn das Entwerfen hängt stark vom Input ab: von den Athlet:innen, von Daten und davon, wie man das Produkt mit dem richtigen Storytelling unterstützt. Das Warum deiner Kreation – für wen du kreierst und welches Problem du löst – ist das, was Designer:innen von Künstler:innen unterscheidet. "Design ist nicht nur Umsetzen oder Skizzieren; wir sind Problemlöser", sagt Lotti. "Bill Bowerman hat das in die DNA des Unternehmens aufgenommen: Du kreierst aus einem bestimmten Grund, nicht nur, weil du es kannst." Er weist auch darauf hin, dass dies keine einfache Aufgabe ist. "Kreativität wird oft romantisiert. Es ist anstrengend! Ich finde, es ist wie ein Marathon. Es braucht Zeit, du musst dich richtig verausgaben und am Ende bist du erschöpft, aber überglücklich."

Lottis Antrieb, diesen Prozess immer wieder zu durchlaufen, sitzt tief. Es gibt einen Satz, auf den er immer wieder zurückkommt, sein Nordstern, der allem zugrunde liegt, was er kreiert: Menschen zum Fliegen bringen. Er hat die Tragweite dieses Satzes erst richtig verstanden, als sein Team begann, mit der Make-A-Wish Foundation zusammenzuarbeiten. Dort hat er erlebt, wie schwerkranke Kinder als Wunsch angaben, Zeit mit den Designer:innen von Jordan Brand zu verbringen.

"Nicht alle können Michael Jordan sein, aber wir können bei jemandem etwas auslösen", sagt er mit bedachter Stimme und wohlüberlegten Worten. "Nach so einem Erlebnis kommst du am nächsten Tag nicht einfach zur Arbeit und entwirfst noch einen Schuh."

Er bezieht sich auf Steve Jobs’ Idee, im Universum Spuren zu hinterlassen – seine Plattform zu finden und sie bewusst zu nutzen. "Wir haben diese Reichweite, und ich nehme sie nicht als selbstverständlich hin", sagt er. "Es ist nicht nur eine Möglichkeit. Es ist eine Verpflichtung, etwas zu bewirken."

Diese Wirkung ist auch bei Nike zu spüren. "Niemand fordert mich mehr heraus als Martin", sagt Nicole Graham, EVP und Chief Marketing Officer. "Er ist so gut, dass du selbst besser werden willst. Er hat eine großartige Idee und du willst sofort auch eine haben." Dieses Mindset, sagt Graham, kommt daher, wie Lotti die Welt betrachtet. "Er kann die Straße entlanggehen und sieht 18 verschiedene Dinge, die für ein Projekt, an dem wir arbeiten, interessant sein könnten: Farbe, Material, Schriftart, Textur. Für ihn dreht sich alles um Kreativität und Design."

"Niemand fordert mich mehr heraus als Martin – er ist so gut, dass du selbst besser werden willst; er hat eine großartige Idee und du willst sofort selbst eine großartige Idee haben."

Nicole Graham, EVP und Chief Marketing Officer

Lottis Designphilosophie geht über Ästhetik oder Funktion hinaus. Er möchte, dass seine Teams Athlet:innen wirklich verstehen – nicht nur, was sie von einem Produkt erwarten, sondern auch, was sie antreibt, was sie auf den Platz mitbringen und wodurch sie sich gesehen fühlen und neue Inspiration finden.

2014 beschrieb ein brasilianischer Fußballer Lottis Team sein Warum : "Wir spielen aus Freude am Spiel und aus Liebe zu Brasilien", sagte der Spieler und griff dabei an sein Trikot. Diese Geste löste etwas aus. Das Trikot war nicht nur ein Kleidungsstück; es war ein Symbol des Stolzes, eine Verkörperung von Bestimmung.

In jenem Jahr druckte das Team  "nascido para jogar futebol" – geboren, um Fußball zu spielen – auf die Innenseite des Trikots. Damit Spieler:innen, die während der Nationalhymne die Hand aufs Herz legen, die Bedeutung darunter spüren konnten.

"Du hörst nicht nur darauf, was Athlet:innen brauchen",  sagt Lotti. "Du willst den Menschen hören. Du willst verstehen, was sie antreibt."

Manchmal ist die Inspiration für Lotti und sein Team eher abstrakt. Sie findet ihren Ausdruck im geharkten Kies eines Zen-Gartens in Kyoto, Japan, der die Struktur der Außensohle des Nike Kyoto prägte – dem ersten durch Yoga inspirierten Schuh der Marke. Sein Obermaterial greift subtil die Wickeloptik eines Kimonos auf. Oder sie liegt in der kargen, erdigen Farbwelt Islands, die eine Trainingskollektion für den Herbst und die Feiertage inspirierte.

Das ist einer der Vorteile, in Portland zu leben, sagt er. Du musst rausgehen, suchen, lernen. "Wir sind eher Weltbürger, was ich liebe, denn es öffnen sich so viele Türen, wenn du neue Orte erkundest."

Lotti bespricht eine NOCTA-Kooperation mit Jarrett Reynolds, VP Energy und Creative Director. Laut CMO Nicole Graham gehört der Aufbau eines erstklassigen kreativen Teams zu Lottis herausragenden Stärken.

Seine Frau Linda beschreibt Lotti als einen Athleten – nicht nur im wörtlichen Sinne (er hat im Snowboarden Wettkämpfe bestritten und es unterrichtet), sondern auch in der Art, wie er an seine Arbeit herangeht. Als sie an der Uni 10 Skizzen anfertigen sollten, hat Martin 20 gemacht. Nicht, weil er musste, sondern weil die Arbeit für ihn lebendig war und der Drang, sie immer weiter zu verfeinern, niemals nachließ. Neugier ist für Lotti nichts, was man einfach abschalten kann.

Diese Energie kommt überall zum Vorschein. Ein kürzlicher Besuch bei einem Autohändler endete damit, dass ihm ein Verkäufer – nur halb im Scherz – einen Job anbot. Er hatte sich mehr Wissen über die Modelle und jede Option angeeignet als die Mitarbeiter selbst. "Er kann konzentriert bleiben und so lange weiterarbeiten, bis er sich durchgekämpft hat und die Lösung findet", sagt Linda. "Wie ein Spitzensportler mit dem unerbittlichen Drang, immer besser und perfekter zu werden. Nur in einem ganz anderen Bereich."

Wir sitzen im Mia Hamm-Gebäude im Bereich Energy Product Design, und Lotti blättert durch das Nike Design Annual – ein Bildband, der einen umfassenden Überblick über das Beste bietet, was die Marke Nike im vergangenen Jahr geschaffen hat. Es enthält Momente aus dem Sport, von Athlet:innen und Produkten. "Wir sind so sehr auf die Zukunft fokussiert, dass es fast schon befreiend ist, zurückblicken zu können. Es ermöglicht uns, einen Maßstab zu setzen: Wenn du in diesem Buch erscheinen willst, musst du ein bestimmtes Niveau erreichen", sagt Lotti. "Es ist eine Möglichkeit, das Team zu feiern."

Das Team, das Lotti zusammengestellt hat, ist unübertroffen, sagt Graham. "Einer von Martins bedeutendsten Beiträgen für Nike ist die kreative Gemeinschaft, die er aufgebaut hat", fügt sie hinzu. "Wenn du in Martin Lottis Team bist, hast du das Gefühl, einer der kreativsten Menschen der Welt zu sein – und genau dieses Gefühl will er dir vermitteln."

Die Auswirkungen davon siehst du im diesjährigen Nike Design Annual, das 25 der innovativsten Kreationen enthält, die das Unternehmen im Jahr 2025 hervorgebracht hat. Viele davon sind unerwartete Meisterleistungen, die mit Konventionen brechen, wie das Nike Radical AirFlow Longsleeve für Ultramarathons. Die Leute waren zunächst skeptisch gegenüber dem Longsleeve, das dich kühl halten soll, sagt Lotti, und manche nannten es sogar liebevoll den "Christmas Sweater." Lotti lacht heute noch darüber. "Du glaubst es erst, wenn du es trägst", sagt er, "es ist wie eine Klimaanlage für deinen Körper. Du bewegst deine Arme beim Laufen, und das Material erzeugt kleine Luftwirbel. Das liegt am Schnitt – das Shirt kühlt auf natürliche Weise."

"Athlet:innen gehen jeden Tag kalkulierte Risiken ein. Sie versuchen nicht, ihre schnellste Zeit, ihren stärksten Aufschlag oder ihr höchstes Gewicht zu wiederholen, sie wollen besser werden. Die Besten."

Martin Lotti, Chief Design Officer bei Nike
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