Das Nike Innovation Farm Team bringt die Wissenschaft des Ultralaufens voran


- 28.8.2026
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Juli 2026: Nach über zehn Stunden Wettkampf erreichte Ultraläuferin und ACG Pro Yao Miao die letzte Felswand: die elfte und vorletzte, fünf Kilometer lange Etappe auf dem Camins d'Hèr, einem 110 km langen Ultratrail in den spanischen Pyrenäen, der durch die malerischen Orte Arties und Escunhau führt. Die mörderische und ungeschützte vertikal verlaufende Strecke verlangt den Läufer:innen das letzte bisschen mentale Stärke ab, bevor sie es mit den letzten acht Kilometern bis ins Ziel aufnehmen. Selbst die fittesten Athlet:innen knicken hier an der Ziellinie ein.
Für Miao war die Felswand lediglich ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden galt. Später lief sie mit erhobener Faust durchs Ziel und beendete das Rennen in 13 Stunden, 4 Minuten und 34 Sekunden – der schnellsten Zeit, die je eine Frau bei diesem Lauf geschafft hat. Yao Miao ist eine der versiertesten Läufer:innen ihrer Generation. Und sie ist eine von nur sechs Läufer:innen weltweit, die zwei verschiedene UTMB Finals gewonnen haben. Für die Vorbereitung auf das Rennen hatte sie einen zusätzlichen Trumpf in der Hand: Insights vom Nike Innovation Farm Team, einer 18-köpfigen Ultralaufgruppe, die vier Monate lang im Nike Sports Research Lab in Beaverton, Oregon, trainierte.

Ultratrails wie der Camins d'Hèr in Spanien sind eine extreme körperliche Belastung für Athlet:innen wie Yao Miao. Auf dem Camins d'Hèr litt Miao kurzzeitig unter Sehverlust.
Nach Miaos Besuch im Nike Sports Research Lab im Frühjahr kombinierten die Nike Expert:innen aus dem Bereich Angewandte Physiologie ihre Laufdaten mit denen eines vierstündigen Resilience Run des Farm Team und ließen die Zahlen durch ein Prognosemodell laufen. Sie wollten das Tempo für ein hypothetisches Zeitfenster berechnen, in dem Miao die Ziellinie überqueren würde. Ein paar Wochen vor dem Camins d'Hèr teilten sie Miao die Formel mit. Gemäß den Berechnungen des Teams würde sie zwischen 12:37 und 13:44 bis ins Ziel brauchen. Sie legten sich sogar auf eine Zeit fest: 13:09. Am Ziel in Vielha sollte Miao ihren eigenen Prognosewert um fünf Minuten unterbieten.
So war es zum Großteil den Daten des Farm Team zu verdanken, dass Miao die bevorstehenden Meilensteine besser kannte. Die Laufgruppe agierte wie ein Kader im Hintergrund und brachte Klarheit in den Plan.

Die Wissenschaftler:innen von Nike mussten vor allem die Stoffwechselprozesse der Ultraläufer:innen verstehen. Zur Erforschung dieses "Laufmotors" wurden in einer Reihe von Tests Stoffwechselprodukte wie Blutlaktat gemessen.
Und genau darum ging es. Das Nike Innovation Farm Team, das im April auf dem Philip H. Knight Campus von Nike für 15 Wochen zusammenkam, sollte den Innovator:innen von Nike helfen, die Hebel zu erkunden, die Ultralaufen erst ermöglichen.
Die Wissenschaft der Ausdauerperformance bei Läufen unter zwei Stunden ist recht gut nachvollzogen. Je länger die Läufe jedoch sind, desto weniger ist darüber bekannt, warum einige bis zum Ende durchhalten, während andere zusammenbrechen. Die herkömmlichen Faktoren für Ausdauerperformance verändern sich und lassen sich nicht vorhersagen, insbesondere bei Ultrabergläufen. Die zurückgelegten Strecken sind ungeheuerlich. Das Gelände verändert blitzartig seine Gestalt und wechselt zwischen extremen Anstiegen und steilen Abhängen. Auch der Boden ist unerbittlich und das Wetter kann in Sekunden umschlagen. Doch damit nicht genug: Ein Rennen kann Tage dauern – und man ist größtenteils auf sich allein gestellt. Die Läufer:innen sind lange allein unterwegs, oftmals über Stunden. Angesichts dieser Gegebenheiten haben Wissenschaftler:innen nur selten die Gelegenheit, die körperlichen Reaktionen der Läufer:innen auf die Belastung zu beobachten.

Die Mitglieder des Nike Innovation Farm Team kamen aus allen Teilen der USA, angetrieben von ihrer Leidenschaft für das Traillaufen und dem Wunsch, die Forschung zum Thema Ultra-Ausdauer voranzubringen.
Dank des Farm Team hatten die Forscher:innen von Nike 15 Wochen Zeit, den Sport und, noch wichtiger, dessen schwer zu erfassenden Ansporn namens "Resilienz" von allen Seiten zu durchleuchten.
"Bei einem Rennen von über 13 Stunden werden alle irgendwann langsamer", sagt Brett Kirby, PhD, Senior Principal Scientist of Applied Performance Innovation im Nike Sports Research Lab. "Gewinner:in ist, wer am wenigsten an Tempo verliert. Oder anders gesagt: Der bzw. die Resilienteste gewinnt. Wir wollten Resilienz von drei Seiten untersuchen: der physiologischen, der biomechanischen und der psychologischen."
Mit Hilfe des Farm Team wollten die Wissenschaftler:innen des Nike Sports Research Lab ein realitätsgetreues, kontinuierliches Umfeld schaffen, um genügend Daten für ein besseres Verständnis dieser Resilienz zu sammeln. Mehr noch: Die Ergebnisse dieser Studie sollten allen Läufer:innen für ihr Training zugutekommen. Zum Beispiel durch die Wahl des richtigen Trainingsprogramms (was könnte dir helfen, nach acht Stunden Wettkampf einen Sprint bergauf hinzulegen) oder des passenden Produkts für ein Rennen. Diese wissenschaftliche Grundlage für neue Produktlösungen ist nicht nur auf Profis anwendbar. Sie kann allen Läufer:innen helfen, die bei einem Berglauf an eine Felswand gelangen und durchstarten wollen.

Kognitive Leistungstests im Bereich Ultralaufen können über Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis bei hoher körperlicher Belastung Aufschluss geben. Wissenschaftler:innen untersuchen immer noch, wie sich Resilienz auf Körper und Geist auswirkt.
"Bei einem Rennen von über 13 Stunden werden alle irgendwann langsamer. "Gewinner:in ist, wer am wenigsten an Tempo verliert. Oder anders gesagt: Der bzw. die Resilienteste gewinnt."
Brett Kirby, PhD, Senior Principal Scientist of Applied Performance Innovation, Nike Sports Research Lab

Nach einer anfänglichen Testphase von zwei Wochen wurden die 18 Läufer:innen für zehn Wochen in zwei Kohorten eingeteilt: Die eine verfolgte ein konzentrisches Trainingsprotokoll mit Bergaufläufen, die andere ein exzentrisches mit Bergabläufen.
Das weitläufige Gelände von Nike im Pazifischen Nordwesten der USA wurde zum Forschungszentrum des Farm Team. Die Tests wurden im Nike Sports Research Lab und im Umland von Portland durchgeführt, u. a. auf den ausgedehnten Trails durch den Forest Park und den atemberaubenden Pfaden durch die Columbia River Gorge.
"Die Belastungsdauer ist die ausschlaggebende Variable, mit der ein Ultralauf steht oder fällt", sagt Brad Winn, Lead Researcher of Applied Innovation und Head Coach bei dem 15-wöchigen Programm. "Auch für die Forschung ist Zeit ein ausschlaggebender Faktor. Wir wollten so viel Zeit wie möglich mit den Athlet:innen verbringen."

Zusätzlich zu den laufspezifischen Workouts war auch das Krafttraining der beiden Kohorten konzentrisch bzw. exzentrisch aufgebaut.
Der Name des Programms hat einen doppelten Ursprung. Zum einen stammt er vom Farmteam-Konzept, wie z. B. im Baseball üblich: Ein Farmteam dient als wichtige Talentschmiede für ein Franchise. Zum anderen geht er auf Jeff Johnson, den ersten Mitarbeiter von Nike, zurück. Mitte der 90er gründete er mit Stanford-Leichtathletikcoach Vin Lananna das angesehene Sub-Elite-Langstreckenlaufteam, das in vielerlei Hinsicht als Vorgänger heutiger Leichtathletikvereine angesehen werden kann. Beide Ansätze verfolgten denselben Zweck: Man wollte herausfinden, wie das Potenzial der Talente in einem bestimmten Pool genutzt werden kann, um eine größere Community zu fördern und zu verbessern.
18 Plätze waren im Farm Team zu haben, neun für Frauen und neun für Männer. Die Onlinebewerbungen der Kandidat:innen gingen ab März 2026 ein. Die Auswahlkriterien für das Programm waren streng: Die Läufer:innen mussten das gesamte 15-wöchige Trainingsprogramm absolvieren und in der Lage sein, bis zu vier Stunden lang in einem Sub-Elite-Tempo zu laufen. Nike Innovation erhielt Tausende von Bewerbungen und hatte die gewaltige Aufgabe, die 18 Kandidat:innen für die 15 Wochen in Beaverton auszuwählen.

Von Leichtathletikworkouts bis hin zu Sprints die imposante, 200 m lange Rampe mit 15 % Steigung neben dem LeBron James Innovation Center hinauf und hinunter: Der Standort von Nike wurde vier Monate lang zu einer regelrechten Testzentrale.
Das Residenzprogramm vor Ort stellte zweifellos eine Herausforderung dar. "Für vier Monate wegzugehen, war schwer. Ich hatte ja auch noch meinen Fulltime-Job", sagt Alec Hewett, ein Läufer aus dem Farm Team, der als Senior Manager of National Teams beim Sportfachverband USA Triathlon tätig und zudem frisch verheiratet ist. "Aber für meine Frau und mich waren die Opfer kein Hindernis. Dass sie und meine Kolleg:innen mich so unterstützt haben, war einfach fantastisch."
Die 18 Läufer:innen waren in zwei Kohorten unterteilt, die jeweils 10 Wochen lang unterschiedliche Trainingsprotokolle verfolgten. Das eine war ein überwiegend konzentrisches und eher herkömmliches Programm mit Bergaufläufen (konzentrisch bezieht sich auf ein Muskeltraining, bei dem sich der Muskel unter Last verkürzt). Das andere war ein überwiegend exzentrisches Programm mit Bergabläufen (exzentrisch bezieht sich auf ein Muskeltraining, bei dem der Muskel unter Last gedehnt und verlängert wird). Zusätzlich zu den laufspezifischen Workouts war auch das Krafttraining der beiden Kohorten konzentrisch bzw. exzentrisch aufgebaut. So machten die Athlet:innen der exzentrischen Trainingsgruppe z. B. Ausfallschritte rückwärts mit Gewichten, wobei das Absenken der Gewichte kontrolliert wird, während die Athlet:innen der konzentrischen Gruppe Kontrasttraining machten, wie Step-ups mit Gewichten.

Einer der wichtigsten Tests war der vierstündige Resilience Run auf dem Laufband. Dabei wurden Variablen für physiologische, biomechanische und psychologische Veränderungen der Resilienz gemessen.
"Die Menschen, die die Athlet:innen am besten kennen, sind diejenigen, die am meisten Zeit mit ihnen verbringen – so einfach ist das."
Brad Winn, Lead Researcher of Applied Performance Innovation im Nike Sports Research Lab
Das Team erhielt eine ganze Reihe Nike Diagnosetools aus dem Nike Sports Research Lab, mit denen die Wissenschaftler:innen genauer erkennen konnten, was im Körper der Läufer:innen vor sich ging. So wurde z. B. das Gangbild der Läufer:innen mit Nike Form analysiert, einem vom Nike Sports Research Lab entwickelten Algorithmus-Tool zur Untersuchung der individuellen Biomechanik. Anhand dieser Daten konnten die Wissenschaftler:innen die Biomechanik von Athlet:innen bei Long Runs, die Auswirkungen des Trainings auf die Biomechanik im Laufe der Studie, das langfristige Zusammenspiel des Körpers mit den Schuhen und den Einfluss von Wettkampfsimulationen auf die Erschöpfung untersuchen. Nach 10 Wochen Training wurden die Anfangstests wiederholt, um festzustellen, wie sich die Fitness der Läufer:innen durch das Programm verbessert hatte.
Das Farm Team spielte eine wichtige Rolle beim Testen einiger der neuesten Durchbrüche von Nike Innovation, wie dem kürzlich angekündigten Picklejus, dem neuen ACG Schuh mit einem für Big-Mountain-Trailruns optimierten Dämpfungssystem. Das Team testete den Picklejus im Lab bei einem anspruchsvollen vierstündigen Testlauf auf dem Laufband mit wechselnden Geschwindigkeiten und Steigungen als Simulation von alpinem Gelände.
Die Kommentare des Teams zum Schuh und insbesondere die klare Beschreibung dessen, was sie in puncto Tragegefühl vom Schuh erwarteten, zeigte, was gut funktionierte. So äußerten z. B. viele Läufer:innen den Wunsch nach schützender Stabilität, ohne an steilen Hängen auf Reaktionsfreudigkeit verzichten zu müssen. Außerdem testete das Farm Team Bekleidungsprototypen, die ACG Profis wie Miao bei ihrem Camins d'Hèr-Rennen trugen.
So entstand im Laufe des 15-wöchigen Residenzprojekts eine wahre Fundgrube an wissenschaftlichen Daten, die Insights in alle Richtungen erlaubten. Allein die Nike Form-Sessions ergaben ganze 13 Gigabyte Daten pro Läufer:in. Die Einblicke kommen allgemeinen Produkten zugute aber auch den ACG Profis, die beim Training vor dem Wettkampf, am Wettkampftag und bei der Erholung nach dem Wettkampf jeden möglichen Vorteil ausschöpfen.
Nehmen wir zum Beispiel Caleb Olson. Im Oktober 2025 traf sich das Applied Performance Innovation Team aus dem Nike Sports Research Lab mit dem Western States 100-Sieger zu einem Minicamp in der Wüste von St. George, Utah. Es ging um sein typisches Training und die Frage, wie er sich auf den UTMB vorbereitete. Der Austausch brachte unbeantwortete Fragen zum Traillauf zutage, insbesondere bzgl. der Kraft beim Bergablauf. Olson fragte, wie er mit voller Kraft bergab laufen könne, anstatt seine Energie für den letzten Abstieg aufzusparen. Die Frage war ein Anstoß für das Nike Innovation Farm Team, einen Trainingsplan zu erstellen, der Olson körperlich stärken sollte. Und das Nike Innovation-Team entwickelte Nike Produkte, die ihm einen Vorteil verschaffen würden – dieselben Produkte, die das Farm Team bis ins kleinste Detail testete.

Studien wie die vom Nike Innovation Farm Team sind äußerst wertvoll, wenn es darum geht, Insights aus dem Nike Sports Research Lab für die staubige, steinige echte Welt umzusetzen.
"Mit Labordaten kann man kein Rennen gewinnen", sagt Kirby. "Mit Austausch schon. Die Daten erhalten erst durch die konstruktiven Beziehungen zu unseren Athlet:innen einen Wert."
Ende Juli war das Farm Team-Programm zu Ende. Nun stehen die Nike Wissenschaftler:innen vor ihrem eignen (Daten-)Berg. Einige verblüffende Ergebnisse haben sich jedoch bereits aufgetan. Eins davon ist laut Kirby die Verbesserung der physiologischen, biomechanischen und psychologischen Testergebnisse in der exzentrischen Trainingsgruppe – was alles andere als in ein herkömmliches Spitzen-Fitnessprogramm passt. Während sich die Läufer:innen auf der Megarampe neben dem LeBron James Innovation Center mit ihren Wiederholungen quälten, kamen einige aus der Bergab-Laufgruppe kaum ins Schwitzen. Dadurch gewinnt ein unkonventionelles Thema in der Welt des Trainings an Bedeutung und macht die exzentrische Toleranz zu einer Variable, die im Trainingsplan berücksichtigt werden muss.
Während die Studienergebnisse noch ausgearbeitet werden, lassen sich die Erkenntnisse unmittelbar ableiten. Und das bringt uns zurück zu Yao Miao, dem Camins d'Hèr und der Felswand.

Ziel von Yao Miaos maßgeschneidertem Plan für den Camins d'Hèr: Miao anhand der Daten des Farm Team helfen, an ihre physiologischen Grenzen zu gehen, ohne zusammenzubrechen.
Als Miao das Rennen am Morgen antrat, hatte sie einen extra für sie zusammengestellten physiologischen Spickzettel mit Pacetabellen im Sekundentakt für den technischen Streckenverlauf dabei. Für jeden Halt enthielt er verschiedene "Befehle" mit Erläuterungen, was zu tun war: Sonnencreme auftragen oder nicht, was essen und warum oder welches getestete Produkt laut Empfehlung tragen. All diese datengestützten Anweisungen stammten aus den Insights des Farm Team
Auf der elften Etappe kam Miao zur Kühlstation. Das Nike Innovation-Team hatte verschiedene Optionen vorgegeben: ein Eis-Bandana, kaltes Wasser für den Kopf, Salztabletten. Zusätzlich hatten sie einen Merkzettel mit technischen Tipps vorbereitet, die ihr bei einem effizienten Anstieg helfen sollten: "Kopf unten halten, kurze Schritte machen, Schultern anspannen." Außerdem fasste der Zettel zusammen, wie sie bis ins Ziel laufen sollte. Dort stand in knappen Worten, was Miao nach über zehn Stunden größter körperlicher Erschöpfung fühlte: "Letzte Wand. 57 Minuten. Ständige Herzfrequenz von 96 %, das gehört zum Plan. Du wirst dich schrecklich fühlen, wie alle. Oben bleiben noch 8 km."
Niemand weiß genau, was auf den Etappen und Kurven eines Ultratrails passiert. Aber anhand von Residenzprogrammen wie dem Farm Team ist mehr darüber bekannt, was Ultraläufer:innen antreibt.
"Die Menschen, die die Athlet:innen am besten kennen, sind diejenigen, die am meisten Zeit mit ihnen verbringen – so einfach ist das", sagt Winn. "Und dafür gibt es nichts besseres, als sie hierher einzuladen und alles in unserer Macht stehende zu tun, um sie zu unterstützen."